"Deutsche Geopolitik im Zeichen neuer Machtzentren"

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 
die Welt befindet sich zweifellos in einer Umbruchphase. Der Westen steckt in der schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte: Die Europäische Union ist mit der anhaltenden Euro- und Finanzkrise schwer angeschlagen und auch die nach dem Zerfall der Sowjetunion allein stehende USA kann ihren Anspruch als einzige Weltführungsmacht nicht weiter aufrecht halten. Währenddessen streben neben Russland neue Mächte auf. Weit angeführt werden diese aufstrebenden Nationen, welche auch als Schwellenländer bezeichnet werden, von China. Aber auch Länder wie Indien, Brasilien oder Südafrika können in einer Reihe genannt werden. Nicht umsonst haben diese fünf sich bereits zu einer Vereinigung zusammengeschlossen. Hinter ihnen stehen weitere Nationen, welche sich auf die Bühne des Weltgeschehens drängen. Diese neuen Mächte werden durch Eigenschaften ausgezeichnet, welche im Westen stetig rückläufig sind.
 
Sie haben alle ein rasantes und kontinuierliches Wirtschaftswachstum, welches 2013 durchschnittlich um 4,5% steigen soll. Im Vergleich dazu wird dieses in der Euro-Zone in diesem Jahr voraussichtlich um 0,3% schrumpfen, die USA kommt immerhin auf ein Plus von 1,9%. Ebenfalls wird es zu einem historischen Wendepunkt kommen, wenn die Schwellenländer 2013 erstmals eine stärkere Wirtschaftskraft als die Industrienationen haben werden. Des Weiteren sind sie mit im Schnitt 39% Verschuldung des Bruttoinlandsproduktes nur halb so stark in der Kreide wie die entwickelten Länder. Besonders die USA sind hier mit den Rekordschulden von 16,4 Billionen Dollar zu nennen.
 
Neben der wirtschaftlichen Entwicklung ist vor allem die demografische Situation und Entwicklung entscheidend. In der Bundesrepublik liegt die Geburtenrate bei etwa 1,4 Geburten pro Frau, in der EU bei durchschnittlich 1,6 Geburten. Dieser starke Geburtenrückgang wird zunehmend versucht mit außereuropäischer Einwanderung entgegen zu treten. Dagegen haben die Schwellenländer entweder eine positive Geburtenbilanz oder eine so große Bevölkerungsmasse, dass derartige Maßnahmen nicht erdacht werden müssen. Auch kommt es in den ärmeren Entwicklungsländern gar zu einem Bevölkerungswachstum, welches von diesen alleine kaum zu kompensieren ist.
 
Noch führt der Westen gemessen an seiner Wirtschaftskraft und politischer Macht die Zügel des Weltgeschehens. Der sich abzeichnende Umbruch verschärft sich jedoch zunehmend mit dem Aufkommen der weltweiten Konfliktherde. Säbelrasseln zwischen Nordkorea, Iran und den USA, Bürgerkriege in Arabien oder Syrien, Kriege gegen Afghanistan oder Irak stören die Illusion einer friedlichen Welt, wie sie in den Köpfen der Entbehrungsbefreiten Europäer verankert ist. Regional beschränkt scheinen diese Konflikte auf den ersten Blick keinen erheblichen Einfluss auf das Weltgeschehen zu haben. Werden diese aber als Ganzes betrachtet, so ergibt sich ein Bild, in welchem die Führungsmächte mit Hilfe des Militärs versuchen ihre Machtsphäre zu halten oder zu erweitern. In Hinblick auf die geschilderte Situation ist dies höchstgefährlich.
 
Experten wie Peter Scholl-Latour sprechen bereits von einem Neuen Kalten Krieg und warnen gar vor der Eskalation zu einem Weltkrieg. Diese Gedanken ergeben sich beispielsweise daraus, dass die USA mit ihren Militärstützpunkten große Teile Russlands aber auch Chinas quasi eingekreist hat. Die Folge ist insgeheim ein Wettrüsten mit hochmodernen Waffen und steigende Militärausgaben von China und Russland. Deutschland wird somit in seiner gegenwärtigen Situation und Einbindung hier niemals neutral bleiben können. Denken Sie daran, dass in der Bundesrepublik die Hauptquartiere der US-Streitkräfte für die Räume Europa und Afrika liegen sowie noch immer Atomwaffen bei Büchel gelagert werden.
 
Doch nicht nur aus sicherheitspolitischer, wirtschaftlicher und demografischer Sicht steht möglicherweise ein Umbruch bevor. Ressourcen werden knapp und somit immer kostbarer. Das Wettrennen nach Rohstoffen hat längst begonnen und auch hier wird skrupellos versucht sich unter allen Umständen die letzten Vorkommen zu sichern – ganz egal wo sich diese geographisch befinden. In diesem Zusammenhang kann es für Deutschland durchaus sinnvoll sein die Zusammenarbeit mit an der Quelle liegenden Staaten zu suchen, auch wenn diese ein anderes politisches System als das westlich parlamentarische haben.
Das Stichwort ist hier Geopolitik. Ein Begriff und eine Wissenschaft die ursprünglich maßgeblich von dem deutschen Professor Karl Haushofer geprägt wurde zur Betrachtung von geographischen Räumen in der Wechselwirkung mit der Politik und den Interessen eines Staates. Nach 1945 wurde die Geopolitik öffentlich verächtlich gemacht, was dazu geführt hat, dass sie bis heute zum einen nicht mehr gelehrt und zum anderen von Deutschland nicht betrieben wird. Wir fragen uns aber – wo steht und positioniert sich Deutschland?
 
Unsere deutsche politische Klasse scheint sich dagegen vielmehr gedanklich mit dem Ende der Geschichte abgefunden zu haben, obgleich dieses keineswegs erreicht ist. Während die Führungsmächte knallhart und rücksichtslos Geopolitik betreiben lassen sich unsere Eliten in unbedingtem Gehorsam vor deren Karren spannen. Stattdessen eine eigene, lebensnotwendige deutsche Geopolitik zu formulieren kommt niemandem in dem Sinn. Wäre dies nicht aber der einzig vernünftige und logische Schritt um der Knechtschaft des Karrens zu entkommen und der neuen, sich stetig entwickelnden Lage Herr zu werden? Sollte nicht das Tabu sich Gedanken über politische Alternativen zur EU, NATO und der Westbindung zu machen gebrochen werden?
 
Alternativen sind mit vielen Chancen, jedoch auch mit Risiken verbunden. Deutschland muss sich für seinen Weg im Umbruch noch entscheiden. Wie dieser Weg genau aussehen kann meine Damen und Herren, möchten wir gemeinsam mit Ihnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auf unserer IX. Bielefelder Ideenwerkstatt diskutieren.
 
Mit studentischen Grüssen

Ihre Burschenschaft Normannia-Nibelungen

 

 

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