Bielefelder Ideenwerkstatt: Wie Regierungen Terrorismus fördern
Die Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld veranstaltete am 28. und 29. November 2009 ihre 5. Bielefelder Ideenwerkstatt. Über 120 Gäste verfolgten die Vorträge zum Thema „Terrorismus – Freiheitskampf, Fanatismus oder staatliche gelenkte Gewalt?“. Zu dem Themenkomplex referierten Prof. Dr. Michael Buback, Dr. Klaus Rainer Röhl, Elias Davidsson, Dr. Rainer Glagow, Odfried Hepp und Adrian Octavio Tovar Simoncic. Der Erkenntnisgewinn bei dieser Vortragsreihe ist dabei beeindruckend: Erfahrungen von Opfern und Tätern gleichermaßen bestätigen, daß Regierungen Terrorismus immer mehr oder weniger fördern.
Eröffnet wurde die Vortragsreihe von Elias Davidsson mit dem Thema „Konstruierter Terrorismus als Regierungspolitik“. Der vielseitig engagierte Komponist beschrieb zunächst die Schwierigkeiten, den Begriff Terrorismus klar zu definieren und behandelte dann die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center. Dabei bezweifelte der jüdischstämmige Menschenrechtsaktivist, daß die Anschläge von Moslems durchgeführt wurden.
Zweifel an 9/11
„Niemand kann klar beweisen, daß wirklich fanatische Moslems die Attentäter waren“, so der Menschenrechtler. Seine Thesen pauschal als Verschwörungstheorie abzutun, lehnte der Vortragende ab. Davidsson stütze seine Ausführungen auf Gerichtsakten, Zeugenaussagen und wissenschaftliche Erkenntnisse verschiedener Forschergruppen, die sich speziell zum 9/11-Themenkomplex gegründet hätten. Er mußte jedoch auch an manchen Punkten eingestehen, daß nicht jede Information zu erlangen sei, so daß mancher wichtige Beweis noch fehle. Schließlich solle sich jeder durch eigene Nachforschungen selbst ein unabhängiges Urteil bilden und nicht einfach auf die Massenmedien sowie verordnete Tabus hören. Man solle sich vielmehr fragen, wem solche Anschläge nützen.
Im zweiten Vortrag des Tages sprach Rainer Glagow über „Das Gewaltproblem des Islam“. Der Islam-Experte führte umfangreich in die geschichtlichen und religiösen Grundlagen dieser Religion ein. Dabei bemängelte er sowohl die nicht vorhandene Trennung zwischen Religion und Staat im Islam als auch die Unkenntnis des Westens gegenüber dessen Inhalten. Auch habe der Islam – anders als z.B. das Christentum – keine Phase der Aufklärung erlebt.
Ein Ex-Nazi spricht über die RAF, rechten Terrorismus, die Stasi, die PLO und seine Läuterung.
Beendet wurde der erste Vortragstag dann von Odfried Hepp. Im Alter von zwölf Jahren kam Hepp bei einer Gedenkfeier zum Tode von Albert Leo Schlageter (Freikorpskämpfer in der Weimarer Republik) das erste Mal mit rechten Organisationen in Kontakt. Später verübte er, beeindruckt von den Taten der RAF, Bombenanschläge auf britische und amerikanische Militärstützpunkte. Das Ziel sei jedoch immer nur das Anrichten von Sachschaden gewesen.
Der mittlerweile aus der rechtsextremen Szene ausgestiegene Hepp beschrieb ausführlich seinen Weg zum Terroristen und seinen späteren Wandlungsprozeß zum Humanisten. Geholfen habe ihm dabei das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Dieses hatte ihn nicht nur vor seiner Verhaftung in der Bundesrepublik bewahrt, sondern darüber hinaus auch ein Umdenken bei ihm bewirkt.
Den Sonntag eröffnete Adrian Octavio Tovar Simoncic, Doktorand an der Universität Bielefeld. Der Kulturanthropologe und Religionssoziologe referierte über Definition und Grundlagen des Fundamentalismus. Charakteristisch für Fundamentalismus sei die Verbindung von absolutem Glauben und gesellschaftlichen Dominanzstrategien. Verdeutlicht wurde das Konzept am Beispiel der Pfingstbewegung in Guatemala. Alles in allem seien es oft die äußeren Umstände, die Menschen auf den Weg der Gewalt brächten.
Der lange Schatten der RAF
Danach schloß sich der Vortrag von Klaus Rainer Röhl an. Mit „Mein langer Marsch durch die Illusionen. Leben mit Hitler, der DKP, den 68ern, der RAF und Ulrike Meinhof“ zog der ehemalige Herausgeber der Zeitschrift konkret sozusagen eine Bilanz seines Lebens und zeigte klar die Gewaltaffinität der damaligen linken Szene auf. Röhl schilderte als Zeitzeuge, wie sich der aus dem kleinkriminellen Drogenmilieu stammende Andreas Baader mit Gudrun Ensslin als Kämpfer gegen das „faschistische System BRD“ aufspielten. Dabei sei insbesondere aufgefallen, daß die ideologischen Grundlagen der jungen Leute klar fehlten, was durch Fanatismus und Militanz kompensiert wurde. Der Ex-Mann von Ulrike Meinhof machte in seinen Erzählungen auch deutlich, wie die DDR die RAF-Terroristen unterstützte. Noch heute gäbe es gut situierte RAF-Sympathisanten, die den ehemaligen Terroristen zu gut bezahlten Arbeitsplätzen verholfen hätten.
Es folgte Michael Buback, der Sohn des ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback, der über den „Zweiten Tod meines Vaters“ sprach. Wie in seinem gleichnamigen Buch wies der Göttinger Chemie-Professor auf die Ungereimtheiten im Mordfall Buback hin und erläuterte seine Beweggründe, nach über 30 Jahren endlich erfahren zu wollen, wer seinen Vater erschossen hat. Wegen schwerer Fehler bei den Ermittlungen müsse man sich fragen, ob es nicht bloße Schlamperei gewesen sei. Buback vermutete, auf Seiten des Verfassungsschutzes habe man eine „schützende Hand“ über die vermeintliche Mörderin Verena Becker gehalten.
Buback: Es ist ein Skandal, daß die Bundesrepublik Terroristen gedeckt hat.
Generell blieb die während der V. Bielefelder Ideenwerkstatt mehrfach ausgesprochene Vermutung, daß staatliche Institutionen oder gar Regierungen Terrorismus grundsätzlich zu dulden und zu fördern bereit sind, unwidersprochen. Michael Buback wertete dies als Skandal, weil sich damit Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland gegen Menschen stellen würde, die ihr gesamtes Leben bis zum gewaltsamen Tode in den Dienst und Schutz dieses Staates gestellt hätten. Zu den Motiven äußerte er sich jedoch nicht.
Elias Davidsson vermutete hinter den Anschlägen des 11. September 2001 die US-Regierung, welche nach dem Zusammenbruch des Ostblocks neue Feindbilder als Eigenlegitimation benötigte. 9/11 sei der Aufhänger für eine neue Militarisierung, imperialistische Aggression und den Ausbau des totalen Überwachungsstaates gewesen. Andere westliche Regierungen seien aus Eigennutz freudig auf diese Masche eingegangen. Was leide, seien die Freiheit der Völker und ihre Nationalstaaten. Von seinen Zuhörern und Mitreferenten erntete er für diese Thesen viel Verständnis und kaum Kritik.
Odfried Hepp hatte seine Erfahrung mit der Stasi immerhin persönlich gemacht. Diese habe linken und rechten Terroristen aus Westdeutschland zumindest einen zivilen Neuanfang in der DDR ermöglicht. Auf die Nachfrage, ob die Stasi vielleicht neonazistische Organisationen im Westen gefördert habe, um das Feindbild des faschistischen Klassenfeindes aufzubauen, entgegnete Hepp, dies sei ihm nicht bekannt. Er habe jedoch nicht so tiefen Einblick in die Stasi-Arbeit gehabt, wie man ihm heute oftmals unterstelle. Adrian Octavio Tovar Simoncic schließlich unterstellte den Staaten zumindest eine Mitschuld am Terrorismus: Es seien die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten („strukturelle Gewalt“), welche manchen Menschen keine andere Perspektive als Gewaltanwendung biete. Je ärmer und undemokratischer ein Staat sei, desto stärker trete dies zutage.
Freiheitskämpfer oder Terrorist?
Fast alle Referenten waren sich zudem einig, daß es einzig auf die Sichtweise ankommt, ob man Terrorist oder Freiheitskämpfer sei. Einer Anmerkung Odfried Hepps, die RAFler seien Freiheitskämpfer gegen ein ungerechtes System gewesen, widersprach Buback aber erwartungsgemäß aufs heftigste.
Unversöhnlich behakten sich die Referenten jedoch zum speziellen Fall des islamistischen Terrorismus, den Glagow lieber als Djihadismus bezeichnen wollte. Elias Davidsson betonte nachdrücklich, daß der Islam keine gewaltschürende Religion sei. Es sei unstatthaft, einfach irgendwelche Koransuren zu zitieren. Man könne dies genauso mit der Bibel und der Tora machen. Es seien gerade in den letzten Jahrhunderten die christlich geprägten Nationen gewesen, die Kriege angezettelt hätten – teilweise unter direkter Berufung auf Gott.
Streit über den „gewalttätigen“ Islam
Der Islam aber sei unter Führung der USA durch westliche Politiker und Medien gezielt aufgebaut worden, um ein Feindbild nach außen zu haben. Dieses Feindbild und die Terrorangst dienten einzig der Verschärfung von Sicherheitsgesetzen und der Öl- und Waffenindustrie. Tatsächlich sei es so, daß es in Europa nie einen islamistischen Anschlag gegeben habe. Die vermeintlichen islamischen Täter seien entweder durch Geheimdienste fremdgesteuert oder unschuldige Bauernopfer.
Bei Glagow und Röhl löste dies heftigen Widerspruch aus. Was denn mit den Terrorcamps der PLO sei, in denen z.B. Odfried Hepp und die RAF ausgebildet wurden? Neunzig Prozent aller Terroranschläge würden auf das Konto von Glaubensanhängern des Islam gehen. Dies sei empirisch bewiesen.
Die Vorträge der V. Bielefelder Ideenwerkstatt wurden durch den Journalisten Michael Vogt aufgezeichnet. Sie werden im Februar 2010 als 3er-DVD-Set im Schild-Verlag erscheinen (www.schild-verlag.de).
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